Brauchtum: Osterreiten Empfehlung

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Reiterprozessionen finden auch in der heutigen Zeit noch statt. Sie haben ihre Wurzeln in der christlichen Religion und sind manchmal viele Jahrhunderte alt. Bereits vor der Reformation Luthers wurde das Osterreiten überall in Mitteleuropa gepflegt.

Pferdeumritte im Jahresverlauf gibt es in allen ländlichen Gegenden Altbayerns und Frankens zu Ehren des Heiligen Georgs oder des Viehpatrons St. Leonhard. Aber auch an anderen hohen kirchlichen Festtagen werden bekannte Prozessionsritte gepflegt, wie beispielsweise der Ulrichsritt in Steingaden, der Willibaldsritt in Jesenwang oder auch der Pfingstritt in Kötzting. Weniger oft erfolgen festliche Brauchtums- und Traditionsumzüge ausschließlich mit Gespannen, wie z.B. die Leonhardifahrt nach Maria Aich bei Peißenberg oder zum Annafest nach Staucharting.

Am Beispiel der Lausitz, wo alleine die Anzahl der Teilnehmer an Osterritten überwältigend ist, kann das Brauchtum um das Osterreiten sehr gut studiert werden. Es ist der wohl eindrucksvollste Brauch der katholischen Sorben. Auch zahlreiche andere Traditionen haben sich dort erhalten, so das Bemalen und künstlerische Verzieren von Ostereiern, das Besprengen mit Osterwasser und das Singen von Osterliedern.

Es ist anzunehmen, dass sich das Osterreiten aus den Flurumritten unserer heidnischen Vorfahren in der Frühlingszeit entwickelt hat. In der vorchristlichen Zeit verband man den Glauben, durch solche Umritte die Saaten vor Schaden zu bewahren. Später wurde der Brauch mit christlichen Inhalten versehen und meist dem höchsten Fest des Kirchjahres, Ostern, zugeordnet.

Insgesamt gibt es in der Lausitz vier verschiedene Strecken, auf denen unabhängig voneinander Osterreiter unterwegs sind. Die größte Prozession mit der längsten Reitstrecke beginnt im Landstädtchen Wittichenau. Zwischen den Pfarrgemeinden Wittichenau und Ralbitz besteht der Brauch seit nunmehr 471 Jahren ohne Unterbrechung. Jede Gemeinde hat ihre eigene Reiterschaft, wobei sich beide nicht begegnen dürfen (so besagt es der Brauch).

Laut Statistik zählten die vier Reiterprozessionen in der sorbischen Lausitz 2011 insgesamt 1683 Reiter, übertrafen damit die Zahlen von 2010 und erreichten fast den Stand von 2005 mit 1701 Reitern. Zum Vergleich: 1960 waren es 704, nach der Zwangskollektivierung ging die Zahl bis 1970 auf 512 zurück. Dann ging es durch den Reitsport stetig aufwärts, besonders seit dem Besuch von Kardinal Bengsch 1977 in Wittichenau. Die Prozessionen von Wittichenau und Ralbitz stellen fast die Hälfte aller Reiter, 2007 waren es in Wittichenau 475 und 2005 in Ralbitz 353 Reiter. Dazu werden häufig Pferde aus dem gesamten Umland, bis hin nach Berlin, angemietet und in der Lausitz aufgestallt. Nicht alle Teilnehmer an den Osterritten sind erfahrene Reiter, dennoch sind Unfälle selten.

Die Vorbereitungen auf das Osterreiten sind sehr umfangreich:

Schon mehrere Tage vor dem Umritt werden die Pferde vorbereitet. Mähnen werden eingeflochten, Schabracken werden überprüft und auch das Osterreitergeschirr auf Hochglanz poliert. Dieses besteht traditionell aus Leder, Metall und/oder Muscheln, ist oft über mehrere Generationen hinweg vererbt und ist dann sehr kostbar.

Am frühen Morgen des Prozessionsrittes wird die aufwändige Einflechtung der Pferdemähne aufgelöst. Die Schweife werden meist mit weißen Schleifen versehen, die mit bunten Blumenornamenten filigran bestickt sind. Gelegentlich sieht man sie auch in den sorbischen Farben Blau-Rot-Weiß. Hatte ein Reiter im vergangenen Jahr einen Trauerfall in der Familie, so trägt sein Pferd eine schwarze oder schwarz bestickte Schleife im Schweif.

Das Osterreiten in der Lausitz ist traditionell eine Angelegenheit der Männer. Frauen reiten an Ostern nicht mit. Die Kleidung der Osterreiter besteht aus einem dunklen Gehrock mit Stiefeln und Zylinder, weißem Hemd mit schwarzer Fliege oder Krawatte und weißen Handschuhen.

Genau gesagt beginnt die intensive Vorbereitung auf das Osterfest und das Osterreiten bereits am Aschermittwoch. Die Tage der Karwoche seit Palmsonntag verstärken das Bemühen um Besinnung und Buße zur Erinnerung an Leiden und Sterben von Jesus Christus am Karfreitag und schließlich seine Auferstehung in der Nacht zum Ostersonntag. Bereits morgens um 5 Uhr des Ostersonntages besucht der Osterreiter den Gottesdienst, um anschließend sein Pferd für die bevorstehende Prozession vorzubereiten. Der Gehrock muss sauber sein, die Stiefel müssen glänzen. Ein stärkendes Frühstück gehört natürlich dazu.

Vor dem Aufsitzen wird ein „Vater unser…“ gebetet, die Hausfrau segnet den Osterreiter mit Weihwasser, um diesen dann ausreiten zu lassen, damit er hoch zu Ross würdig die Botschaft verkünden kann:

„Christus ist wahrhaft von den Toten auferstanden“.

nun treffen sich die Osterreiter zum vereinbarten Zeitpunkt an der Pfarrkirche, wenn die Kirchenglocken das Zeichen zum Sammeln geben. Nach der Aussegnung durch den Pfarrer begeben sich alle Osterreiter auf die traditionelle Strecke. Dabei gibt es in jedem Reiterzug festgelegte Positionen für Fahnenträger oder Kreuz- und Statuenträger. Die Motive der Fahnen sind das Osterlamm und das Kreuz. Feierliche Gesänge und gemeinsames Gebet begleiten jeden Reiterzug.

Manchmal sieht man Reiter aus mehreren Generationen einer Familie nebeneinander reiten. In einigen Reiterzügen gibt es eine feste Reihenfolge der Reiterpaare nach Ortschaften, in der Wittichenauer Pfarrgemeinde bilden sich eine deutschsprachige und eine sorbischsprachige Abteilung.

Gegen 13 Uhr wird die Osterbotschaft in die Nachbargemeinde Ralbitz überbracht. Die Gastfreundschaft ist enorm, um auch alle Reiter zu bewirten. Manche Familien haben bis zu vierzig Reiter zu Gast, denn es gibt kein Gasthaus, das groß genug für alle wäre. Nach dem Mittagstisch und einer kurzen Andacht begibt sich die Reiterprozession auf den Heimweg. Die feierlichen Gesänge sind weithin zu hören.

Es gibt in vielen Teilen Deutschlands traditionelle Umritte mit kirchlichem Hintergrund und großer Teilnehmerzahl, so den „Blutritt“ nach Weingarten oder andere österliche Reiterprozessionen Altbayern und Franken, aber auch im deutsch-polnisch-tschechischen Grenzgebiet bei Görlitz. Dort finden sie ihre Fortsetzung in Oberschlesien, Nordböhmen und Mähren.

Mein Besuch beim letzten BG-Lehrgang 2011 zur „Sicherheit beim Gespannfahren“ in Moritzburg brachte mich kürzlich mit zwei Osterreitern aus der Lausitz zusammen. Durch sie wurde ich zu diesem Artikel angeregt, für den beide Osterreiter die Korrektur für die Darstellung in der Oberlausitz übernommen haben und die Bildbeiträge zur Verfügung stellten. Ich danke dafür Uwe Wels und Martin Räde aus Wittichenau sehr herzlich.

Ihr seht, ein Fahrbeauftragter bei der VFD in Bayern ist als ehemaliger Gelände- und Freizeitreiter gegenüber allen Pferdethemen aufgeschlossen.

Horst Brindel, Fahrbeauftragter der VFD Bayern

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