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Begegnung auf Augenhöhe – Freiarbeit mit dem Pferd

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„Pferde bilde ich am Anfang immer frei aus. Das fördert Verständnis, Respekt und Vertrauen“. Wie diese Begegnung auf Augenhöhe mit dem Pferd, frei von Ausrüstung und Reitweisen, ausschauen kann, zeigte die Psychologin Philine Dietrich in der sehr gut besuchten Vorführung „Freiarbeit (Liberty) nach Natural Horse-Man-Ship“ beim VFD-Kreisverband Bamberg in der Freizeitreitanlage Schammelsdorf.

„Pferde streben nach Gemeinschaft“, lautete einer der Kernsätze der bei Uwe Weinzierl, Thomas Günther und Vera Delle ausgebildeten Trainerin. Sich diese natürliche Veranlagung zunutze zu machen, bedeute dann, mit wenig Druck, aber viel Verständnis so auszubilden, dass ein respektvolles Miteinander von Mensch und Pferd möglich ist. Acht Schritte dazu, die auch die Pferde lernen lassen, mit Druck umzugehen und dem Druck zu weichen, gab Dietrich ihren überaus interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern an die Hand.
1. Natürliches Folgen
Eine Begegnung auf Augenhöhe beginne damit, die Aufmerksamkeit des Pferdes zu gewinnen, d.h. das Pferd zu sich zu holen, und zwar so, dass es den Menschen wahrnimmt und auf ihn achtet. Daraus könne dann das natürliche Folgen entstehen.
2. Entspannen des Pferdes
Ein wichtiger Schritt sei, das Pferd wieder zu sich zu holen, wenn es aus der Aufmerksamkeit weicht, und ihm dann auch Entspannung und Erholung beim Menschen zu gönnen, um diesen positiv und angenehm erfahren zu können. Dabei sei darauf zu achten, dass das Pferd grundsätzlich nicht weggeschickt und Druck aufgebaut werden sollte, wenn es entspannt kaut.
3. Richtung und Gangart beibehalten
Das Pferd um sich herum schicken, wobei die Richtung und die Gangart beibehalten werden sollte, sei ebenfalls grundlegend. Hier genügten am Anfang wenige Runden.
4. Wechseln der Seiten – Richtungswechsel
Darauf aufbauend könne ein Richtungswechsel geschehen – das Pferd zu sich holen und in die andere Richtung wieder auf den Zirkel schicken.
5. Das Herholen beschleunigen
Ein weiteres Übungselement sei, rückwärts laufend das Pferd zu sich herzuholen und zwar so, dass es dabei auch in den schnelleren Gangarten auf den Menschen zuläuft. So könne das Pferd motiviert werden, gerne und schneller zum Menschen zu kommen. Dies sei z.B. sehr hilfreich beim Holen von der Koppel.
6. Einfangen des Pferdes
Notwendig sei auch, das Wiedereinfangen des Pferdes zu üben. Hier schicke ich das Pferd zunächst von mir weg, dann bewege ich mit meiner Körpersprache die Hinterhand nach außen, sodass der Kopf bei mir ist und ich wieder die Aufmerksamkeit habe.
7. Folgen an der Schulter
Beim Folgen an der Schulter laufe der Mensch auf Schulterhöhe des Pferdes mit, begrenze das Pferd, wenn es schneller wird, mit dem Stick vorne oder treibe nötigenfalls von hinten.
8. Desensibilisieren
Abschließend wies die Referentin darauf hin, dass eine Desensibilisierung der Pferde unumgänglich ist, damit das Pferd nicht ängstlich oder panisch auf bestimmte Gegenstände und Situationen reagiert.
Dass diese Übungen auch bei einem fremden, bislang unbekannten Pferd nach einer kurzen Trainingseinheit abgefragt werden können, demonstrierte die versierte Trainerin im zweiten Teil der praktischen Vorführungen. Sie zeigte zudem, wie sich Pferde durch entsprechende Körperhaltungen und passendes Timing auch aus der Entfernung in ihrer Bewegung steuern lassen. „Der Bauchnabel muss stimmen“, meinte Philine Dietrich hierzu und beschrieb damit, dass bei einer bestimmten körperlichen Zugewandtheit das Pferd entsprechend reagiert. Damit könnten z.B. Richtung und Tempo beeinflusst werden.
Der Abend in Schammelsdorf führte anschaulich vor Augen, worauf die Vorsitzende des VFD-Kreisverbandes Bamberg, Renate Baierl, in ihrer Begrüßung mit einem Zitat aus Pat Parellis Buch „NATURAL HORSE-MAN-SHIP. Ein Überblick“ hinwies:
„Weil Grundeinstellung, Überzeugungen und Meinungen einer Person so maßgeblich sind für ihre Beziehung zum Pferd, ist die Einstellung das erste, womit wir uns im NATURAL HORSE-MAN-SHIP näher befassen wollen. Es scheint zwei völlig verschiedene Extreme des grundsätzlichen Herangehens von Menschen ans Pferd zu geben. So finden wir die „Gerten-Einstellung“, angewendet von Menschen, die dem Pferd eine mit der Gerte geben und es dazu bringen, zu tun, was sie wollen. Ein solcher Mensch setzt Zwang und Einschüchterung ein, um ein Pferd zum Arbeiten zu bringen. Dann gibt es die „Möhrchen-Einstellung, angewendet von Menschen, die versuchen, ihr Pferd zu überreden, doch bitte zu tun, was sie möchten. Ein solcher Mensch bleibt meistens erfolglos, denn er fleht sein Pferd an, anstatt zu fragen und den Respekt des Pferdes als Antwort zu bekommen.
Auf dem goldenen Mittelweg zwischen diesen beiden Extremen finden wir den Menschen, der sich durchsetzt. Er ist weder aggressiv noch weichlich, sondern im eigenen Gleichgewicht zwischen beiden Polen. Der natürliche Ansatz im Umgang mit dem Pferd zeichnet sich dadurch aus, so sanft wie möglich und so bestimmt wie nötig zu sein. … Es ist eine der grundlegenden Einstellungen im NATURAL HORSE-MAN-SHIP, Dinge für das Pferd zu tun und gemeinsam mit ihm, weniger jedoch, das Pferd zu benutzen.“

Birgit Wolfrum-Reichel und Renate Baierl

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Letzte Änderung am Dienstag, 11 August 2020 21:57
Anne Geishauser

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